Schlußstrich im Schutzhaus

Da ist wieder der Tschida-Peperl, der sanft, aber bestimmt, sein Regiment führt. Es ist wieder das Schutzhaus am Schafberg. Der Tschida-Peperl ist dort Wirt. Hier, weit weg von der Großstadt, sozusagen am Rande des Stadtrandes, ist die Welt irgendwie anders, überschaubarer, und manchmal scheint die Zeit stehen zu bleiben. Im legendären Lokalführer Wien, wie es isst … findet man über diese saugute, aber ruhmlose Gastwirtschaft u.a.: Extrazimmer für 120 Personen - Nichtraucherbereich - Garten. Das mit dem Nichtraucherbereich ist ziemlich sicher nicht wahr. Der Garten ist super, zumindest im Sommer. Und im Extrazimmer ist schon viel passiert. Zum Beispiel das erste Konzert von Ostbahn-Kurti & die Chefpartie. Anfang 1985 war das. Also nach der legendenumwobenen Ostbahn-Frühzeit, die sich irgendwo zwischen legendenumwobenen Bands wie Suck Power, legendenumwobenen Alben wie Antifrost-Boogie und legendenumwobenen Lokalen wie dem Espresso Rosi abgespielt hat, und von der es genauso viele Versionen gibt wie Leute, die sich noch daran erinnern können. Im Schutzhaus, damals, ist die Legende sozusagen wahr geworden.

Jetzt, am 6. Tag des Jahres 2003, also am Tag der heiligen drei Könige der Musikgeschichte (B.B., Albert und Freddie King), ist das Extrazimmer wieder einmal voll. Der Tschida-Peperl steht wieder hinter der Schank - er hat dort schließlich fast jeden Tag seit 1985 seinen Platz. Und der Ostbahn-Kurti steht wieder auf der Bühne - der freilich ist seit damals viel herum gekommen. Aus der Vorstadt in die weite Welt hinaus und wieder zurück ins Wohnzimmer von Herrn und Frau ÖsterreicherIn. Ausverkaufte Konzerttourneen, Plattenerfolge, Radio- und Fernsehauftritte, das Integrationshaus und einige Seiten im Internetz haben für einen flächendeckenden Bekanntheitsgrad in ganz Österreich und Umgebung dieses meist aus einer schleißigen Lederjacke lugenden, bartstoppeligen Gesichts mit Tschik im Mundwinkel gesorgt.

Ein bisserl ist er schon in die Jahre gekommen, dieser Herr Kurt. Die Stirn endet ein wenig höher, und ist auch ein bisschen zerfurchter. Die Haare über dieser Stirn sind grauer geworden, übrigens auch die mächtigen Haarbüschel in den Ohren. Eine Lesebrille sitzt auf der Nase, einen Sessel hat er unter und einen Notenständer mit den Liedertexten vor sich. Als Mitglied einer Boygroup verkörperte er wohl nicht mehr den Typ wild & gefährlich, eher schon den Typ in Würde gealtert, doch der ist bei einer Boygroup nicht übermäßig gefragt. Naja, es wollte halt ganz schön viel erlebt werden in den letzten achtzehn Jahren. Das verändert sogar den Kurti, innerlich wie äußerlich.

Ein paar Dinge sind natürlich gleichgeblieben. Das stets griffbereite Achterl rot, immer öfter vom Besseren in der letzten Zeit. Auch die Mitarbeiter aus der zweiten, für den Besucher unsichtbaren Reihe haben noch die selben Gesichter. Michi Zauner, genannt Roadie de Luxe, hat heute Gattin und die zweijährige Tochter mit dabei - Thomas Tinhof, genannt T.T., die zirka zweiundreissigste Freundin. Günter Grosslercher steht wieder am Mischpult - der Kohlen-Güntl ist wahrscheinlich der Mann, der bei den meisten Ostbahn-Auftritten mit dabei war. Naja, der Ostbahn-Kurti selbst war natürlich schon noch ein paar mal öfter mit dabei, aber er kann sich vermutlich an weniger Auftritte erinnern. © - Dietmar Lipkovich © - Dietmar LipkovichAlex Horstmann - jung, blond, stark und schön - hat wie ein umgekehrter Stage-Diver den Sprung aus der zweiten Reihe auf die Bühne hinter sich, heute singt er die zweite Stimme und schlägt den Takt. Karl Ritter ist auch da, ewig schon bei der Kombo und gleichzeitig einäugiger Bruder vom Karasek-Poldl, dem Prinz. Der Professor Gugg sitzt seit Mitte der Neunziger an der Orgel, als ganz Junger hat ihn damals der Brödl-Günter infolge der Trennung der Chefpartie für die Kombo entdeckt. Und der Doktor Trash liest gemeinsam mit dem Kurt ein paar Geschichten aus den Kriminalromanen, die der Brödl über den Doktor Trash, den Kurt und sich selbst geschrieben hat.

Womit wir endlich zum Anlass dieses Auftritts kommen. Der Kurt geht in die Pensi, sagt der Kurt. Aber nicht etwa aus Altersgründen oder wegen fortgeschrittener Gebrechlichkeit, nein. Da gäbe es schließlich eine Menge Vorbilder, die nach zig Jahren unsteten Lebenswandels immer noch quietschvergnügt auf diversen Bühnen in aller Welt herumhupfen. die 2 Ostbahn-Kurtis: Günter Brödl & Willi ResetaritsNein, der Grund sagt der Kurt, ist einer, der nicht da ist. Der Brödl ist zum Jesus hinaufgegangen und damit hat der Ostbahn eine Hälfte verloren und wenn ein Teil fehlt, funktioniert des nimma. Die übrig gebliebene Hälfte möchte jetzt gern alle noch vorhandenen Texte der anderen Hälfte ordnungsgemäß und in würdiger Form veröffentlichen. Dann muss eine Ruh sein.

Eine Ruh wird sein am 1. Jänner 2004. Da verbleibt also noch das ganze restliche Jahr 2003 für einen Krawäu und dieses ruft der Kurt hier im Schutzhaus ordnungsgemäß und würdig zum Ostbahn-Jahr aus. Die Idee könnte vom Brödl sein, und wer weiß: vielleicht sind ein paar der Pläne und Aktivitäten für dieses 3er Jahr wirklich vom Günter ausgeschickt worden, möglicherweise als er grad mit dem Townes van Zandt zusammengesessen ist, auf dass sie dem Herrn Ostbahn im Schlaf einschießen mögen. Eine Menge CDs wird´s geben, mit lauter unveröffentlichter und ganz neuer Materie und auch endlich wieder ein Live-Album, es wird eine DVD geben, es soll einen Film geben - Who The Fuck Was Kurt Ostbahn - und natürlich jede Menge Konzerte mit der Kombo sowie mit der Chefpartie. Wir wiederholen: Mit der Chefpartie.

Der Horak-Charly von der Chefpartie war 1985 im Schutzhaus auch schon mit dabei. Die Bühne war noch um ein Stückchen kleiner und obwohl der Bassist körperumfangsmäßig vielleicht halb so viel war wie heute, musste er sich den Platz mit einem Ofen teilen. Am Ende des Konzerts waren beide Arme, der vom Bass und der vom Horak, gut durchgebraten, erzählt der Kurt. Übrigens sei es dem Charly zu verdanken, dass es den Ostbahn-Kurti länger als ein Konzert gegeben hat: Als nämlich bei ebendiesem Konzert vor achtzehn Jahren ein Beleuchtungsständer kippte und der mörderisch schwere Scheinwerfer genau auf Kurtis Schädel zuraste, war es ebendieser Bass-Arm, der den Scheinwerfer gerade noch aufhalten konnte und eine Fortsetzung der Karriere ermöglichte.

© - Dietmar Lipkovich Heute sitzt der Charly, der Stier von Simmering, im Publikum und man sieht, dass er es gspiat, dass es ihn juckt, zum nächstbesten Instrument zu greifen und wieder mal auf einer Ostbahn-Bühne mitzumischen. Später schnappt er sich auch eine Wanderklampfn, stimmt den alten Heuler "Es gibt Strossn" an und hilft dem Kurt auch gleich mit dem Text aus. Der Romeo, der Jedelsky-Edi, ist auch da, aber es steht leider kein Schlagzeug auf der Bühne. Wir werden ihn im Sommer wiedersehen, mit der alten Partie, der Lilli, dem Poldl, dem Mario und dem Kurtl, und es wird gut sein.

Da Tschida-Peperl Vielleicht werden wir im Sommer auch wieder mal im Garten des Schutzhauses sitzen, nachdem wir den Brödl am nahen Friedhof besucht haben. Heute, im Winter, frischer Schnee ist gefallen, sind die meisten Gäste mittlerweile nach Hause gegangen. Der Gugg hat sich bei einem Girl eingeparkt und ein paar Kleingärtner hängen noch an der Bar. Mit ihnen und dem Tschida-Peperl kann man jetzt sogar über den Inspektor Brunner reden, den der Brödl in seinen Kriminalgeschichten gern am Schafberg sitzen ließ. Wir haben ja geglaubt, der ist gut erfunden, aber an der Pudel beim Tschida wird er auf einmal Wirklichkeit. Der Heinzi glaubt sich an ihn erinnern zu können, an den pensionierten Kieberer, der im Sommer gern im Garten sitzt und G´spritzte trinkt. Und der Rudl kennt sogar Brunners Lebensgefährtin, eine resolute Endfünzigerin namens Dorli. Es ist schön, wenn Legenden wahr werden.

© RaW